„Sieben Nächte“ von Simon Strauss

Ein geniales Buch! Man könnte es als eine Art moderne Kampfschrift mit Niveau verstehen, in der so ziemlich jeder Satz entweder Kritik oder Appell ist.

Es wirkt, auch wenn – oder gerade weil – der noch recht junge Autor, Jahrgang ’88 und Sohn von Botho Strauss, bereits ziemlich viel erreicht hat, wunderbar authentisch, vielleicht nahezu autobiographisch.

Gerade so ein Buch brauchen wir, nicht nur, aber auch für die jüngere Generation, die – pauschal gesagt – oftmals für wenig Richtiges oder Wichtiges brennt/einsteht und selbst nicht viel mit sich anzufangen weiß, außer sich irgendwie selbstverwirklichen zu wollen, ohne zu wissen, wie. Die zwar volljährig werden, aber nicht erwachsen.

Das gnadenlos Realistische und nichts Beschönigende ist sehr angenehm, wo wir doch in einer Gesellschaft leben, in der Harmonie nach außen eines der wichtigen Gebote ist und Kritik/Meinungen, die nicht unbedingt dem Mainstream entsprechen, als Störung des gesellschaftlichen Friedens betrachtet werden. All dies – und viel mehr – wird in diesem Buch äußerst ästhetisch behandelt.

Eines meiner aktuellen Herzensbücher, das ich gern empfehle. Gerade erschienen, bei Blumenbar im Aufbau Verlag.

Sieben Nächte

Klappentext:

Schließt die Augen und zerbrecht das Glas

Es ist Nacht, ein junger Mann sitzt am Tisch und schreibt. Er hat Angst. Davor, sich entscheiden zu müssen. Für eine Frau, einen Freundeskreis, einen Urlaubsort im Jahr. Er hat Angst, dass ihm das Gefühl abhandenkommt. Dass er erwachsen wird. Doch ein Bekannter hat ihm ein Angebot gemacht: Sieben Mal um sieben Uhr soll er einer der sieben Todsünden begegnen. Er muss gierig, hochmütig und wollüstig sein, sich von einem Hochhaus stürzen, den Glauben und jedes Maß verlieren. Sieben Nächte ist ein Streifzug durch die Stadt, eine Reifeprüfung, die vor zu viel Reife schützen soll, ein letztes Aufbäumen im Windschatten der Jugend.
Simon Strauß erzählt von einem jungen Mann an der Schwelle, der alles aufbringt, um sich Gewohnheit und Tristesse zu verwehren. Er muss gierig, hochmütig und faul sein, neiden und wüten, Völlerei und Wollust treiben. Sich dem Leben preisgeben, um sich die Empfindung zu erhalten. Im Schutze der Nacht entwickelt er aus der Erfahrung der sieben Todsünden die Konturen einer besseren Welt, eines intensiveren Lebens.

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ – von Ernest van der Kwast

Auch wenn dieses Werk nicht mehr brandneu ist, muss ich auf diesem doch noch recht neuen Blog die „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast erwähnt haben.

Als 2015 das frisch erschienene Werk herauskam, packte ich es mir für die kurze Zugfahrt von Münster nach Dortmund ein. Und was soll ich sagen – das Buch mit seinen gerade mal knapp 100 Seiten habe ich während der Fahrt komplett verschlungen, denn die Worte rauschten nur so und die Seiten blätterten sich wie von selbst um, sodass ich es gleich darauf nochmal von Neuem lesen wollte.

Wir sind in Italien, Sommer 1945. Stellen Sie sich den wunderbaren Strand vor, das italienische Flair. Und dazu eine wunderbar tiefgehende Erzählung mit Substanz. Hier geht es weder um den Krieg noch um eine Strandschmonzette:

Jeden Tag wandern Ezio und sein Bruder zu Fuß zum Meer nach San Cataldo, um italienische Frauen zu beobachten. Doch als eines Tages Giovanna Berlucchi mit einem in zwei Teile gerissenen Badeanzug am Strand auftaucht, sodass die Meeresbrise um ihren Bauchnabel streichen kann, ist es um Ezio geschehen.
Nach zwei Hochzeitsanträgen in dieser Zeit, in der Giovanna sich jedoch immer wieder für die Freiheit entscheidet und wiederholt ins Meer verschwindet, ja flüchtet, verlässt Ezio desillusioniert den Ort und seine große Liebe und sucht sich einen Job in Norditalien.

Die Geschichte springt zwischen Gegenwart und damals – bis Ezio 60 Jahre später einen Brief von Giovanna bekommt.

Das Buch erzählt von einzelnen Entscheidungen, – eigenen und anderer Leute -, die das ganze Leben beeinflussen können, verpassten Chancen und sich verwehrendem Glück. Es ruft auf, die echte große Liebe beim Schopfe zu packen, wenn sie denn mal da ist.

Eine grandiose Kombination von Atmosphäre, gesellschaftlichen Einflüssen im damaligen Italien, die Entstehung des Bikinis und einer mitreißenden Geschichte junger bzw. alter Menschen, die noch lange in einem nachhallt.

Rezension

Erschienen: 10.2.2015 im Mare Verlag

„Kunstszene Münster“ – Ein Interview zum aktuellen Buch mit Ilse C. Wecker

Das kürzlich erschienene Werk „Kunstszene Münster“ ist eine Art Künstler-Kanon, in dem Ulrich Karst und Ilse Wecker mit gut 100 Künstler-Portraits einen Einblick in die Kunstszene Münsters gewähren.
Aus aktuellem Anlass und der bevorstehenden Eröffnung der Skulpturenprojekte Münster 2017 habe ich mit der Autorin und Fotografin Ilse Wecker gesprochen.

In Ihrer Vita ist schnell erkennbar, dass es Sie schon von Vornherein zur Fotografie und Kunst gezogen haben muss. Was hat Sie dazu gebracht oder motiviert?

I.W..: Schon während meiner Schulzeit habe ich mich sehr für die Anfänge der Photographie interessiert, habe als Jugendliche viel ,,geknipst“ und später dann logischerweise eine Ausbildung zur Fotografin absolviert. Das Spielen mit dem Licht hat mich fasziniert, sei es der Umgang mit Kunstlicht, besonders aber das Arbeiten mit dem natürlichen, vorhandenen Licht. Die wechselseitigen Einflüsse der Photographie auf die Impressionisten, aber eben auch die Inspirationen durch die Malweise der Impressionisten auf die sich entwickelnde Photographie haben mich während meines Kunst-Studiums fasziniert.

Ulrich Karst und Sie, als Fotografen-Duo, haben drei Jahre lang an diesem Fotografie-Projekt gearbeitet. Wie hat sich die Arbeit entwickelt?

I.W.: Dieses Projekt entwickelte sich langsam, nachdem die Idee für das Buch entstanden war. Zunächst tasteten wir uns an Persönlichkeiten heran, die wir unbedingt für das Buch gewinnen wollten. Wir stellten fest, dass unsere Idee auf Resonanz stieß und so fotografierten wir nach und nach immer mehr KünstlerInnen, Kuratoren, Museumsleute, Förderer der Kunst, Galeristen usw. Oft gab es zwischen uns spannende Diskussionen, wer sollte im Buch zu finden sein, wer nicht unbedingt. Fruchtbare Gespräche mit den zu Porträtierenden halfen uns oft weiter, dies war ein lehrreicher, interessanter Teilaspekt unserer Projektarbeit. Erst während der Arbeit entstand der Gedanke, dass Textbeiträge von mehreren Porträtierten und zwar mit ihren jeweils ganz subjektiven Gedanken zur Kunstszene Münster – oft kontrovers – eine Bereicherung für unseren Bildband darstellen würden.

Ungewöhnlich für ein Buch über Kunst ist, dass Sie beide sich für schwarz-weiße Gestaltung entschieden haben, um die Kunstszene zu portraitieren. Gab es Hauptaugenmerke bei der Darstellung der Künstlerinnen und Künstler?

I.W.: Ja, die schwarz-weiß Fotografie ist das verbindende Element unserer Arbeit. Das war von vornherein klar für uns beide. Ansonsten arbeiten wir recht unterschiedlich. Uli Karst bearbeitete seine Bilder digital oft so, dass häufig Kunstwerke des Porträtierten mit dem Porträt miteinander ,,verschmolzen“ und so eine interessante Bildidee umgesetzt war. Ich dagegen arbeite eher puristisch mit dem vorhandenen Licht; Hauptaugenmerk sah ich im Menschen vor meiner Kamera – natürlich im Umfeld seiner künstlerischen Tätigkeit. Eine Facette seines Gemüts versuchte ich einzufangen.

Wie definiert sich die Kunstszene oder gibt es gar mehrere parallel laufende Kunstszenen in Münster, mit verschiedenen Ambitionen? Kurz gefasst: Gab es Kriterien für die Aufnahme der gut 100 Personen in diesen Münsteraner Künstler-Kanon?

I.W.: Ganz klar, DIE Kunstszene Münster gibt es nicht – es ist uns wichtig festzuhalten: Es handelt sich um eine subjektive Auswahl der Persönlichkeiten in unserem Buch – wir hatten nie den Gedankengang ein Künstlerlexikon zu erstellen.

In Münster gibt es verschiedenste Kunstveranstaltungen und zahlreiche Institutionen dafür. Wie sehen Sie da Münster im Vergleich zu anderen Städten?

I.W.: Seit es in Münster die Kunstakademie gibt (hervorgegangen aus dem Institut der Kunsterzieher der Kunstakademie Düsseldorf, seit 1971) und natürlich auch seit den Skulptur.Projekten, ins Leben gerufen durch Klaus Bußmann und Kasper König, alle 10 Jahre, ist diese Stadt offen für moderne Kunst.

In jeder Epoche gab es Strömungen und Bewegungen. Welche aktuellen Entwicklungen und Trends fallen Ihnen besonders auf?

I.W.: Meiner Ansicht nach nehmen ganz persönliche, sehr individuelle Ausdrucksmöglichkeiten von Künstlern einen sehr großen Raum ein, somit möchte ich eher weniger von vorhandenen Trends sprechen.

Gibt es etwas, das Sie sich für die Zukunft der Kunstszene wünschen oder was Nachwuchskünstlern an’s Herz zu legen wäre?

I.W.: Ich wünsche allen KünstlerInnen, dass sie in Zukunft noch mehr Unterstützung finden – sei es durch zusätzliche Ausstellungsmöglichkeiten in Stadt und Umland und vor allem noch mehr finanzielle Förderung  – nur so kann sich Kunst wirklich entfalten.

Vielen herzlichen Dank an Ilse C. Wecker für dieses Interview.

Zu bestellen gibt es das Buch „Kunstszene Münster“ 28€ (ISBN: 978-3-944327-50-1) in jeder Buchhandlung vor Ort, in Münster u.a. in der Buchhandlung Der Wunderkasten  oder beim Tecklenborg Verlag selbst.

http://www.ilsewecker.de/2015/08/25/kunstszene-muenster/
https://www.wunderkasten.de/buchanfrage
http://www.tecklenborg-verlag.de/product_info.php/info/p997_KUNSTSZENE-MUeNSTER.html/XTCsid/c44daaf78366a50efd0c20c2916578e6

 

Kunstszene

Erschienen am 01. April 2017 im Tecklenborg Verlag

 

 

„Unsere Seelen bei Nacht“ von Kent Haruf

Wie wäre es, die Nächte in Zukunft ab und zu einfach gemeinsam zu überstehen & der Einsamkeit durch ihre jetzige Gemeinsamkeit ein Ende zu setzen?, fragt Addie, Witwe von 70 Jahren, ihren Nachbarn Louis, der ebenfalls allein ist. Doch diese nächtlichen Treffen wecken in der Kleinstadt Holt in Colorado Missgunst und Probleme.
Das letzte Werk des Autors Kent Haruf, gibt Raum für Gefühle und zum Nachdenken, wie stark doch oftmals nach Erwartungen der Gesellschaft gelebt und gedacht wird. Und was davon abhängen kann, wenn man es nicht mehr tut.
Ein sehr herzliches und atmosphärisches, irgendwie gar rebellisches Buch.

Im März 2017 beim Diogenes Verlag erschienen.

http://www.diogenes.ch/leser/titel/kent-haruf/unsere-seelen-bei-nacht-9783257607857.html

UNsere Seelen bei Nacht

„Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Ein unfassbares Werk, das die Freundschaft vierer Freunde in New York erzählt. Neben purem Glück und wahrhafter Freundschaft, entführt einen dieser Epos in die tiefsten Abgründe einer menschlichen Seele. Es ist möglich, dass dieses Buch einen dazu bringt, kurzzeitig die Fassung zu verlieren, aber es sei versichert, dass dieses literarisch wuchtige Werk eine absolute Bereicherung ist und trotz des starken, ehrlichen & harten Inhalts unglaublich begeistert.

EIn wenig Leben

Erschienen im Januar 2017 im Hanser Verlag.